OM Ligue 1
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Die Geschichte des OM: Vom Hafen von Marseille nach München 1993

Am 26. Mai 1993 springt Basile Boli im Münchner Olympiastadion höher als die Mailänder Abwehr und versenkt den Ball mit einem unhaltbaren Kopfball im Tor von Sebastiano Rossi. Olympique Marseille führt 1:0 gegen den Titelverteidiger AC Mailand. Am Ende des Spiels bricht im Vieux-Port Jubel aus, auf den Champs-Élysées ziehen Rauchfackeln vorbei, und der französische Fußball feiert endlich seinen ersten Triumph im Europapokal der Landesmeister.

Diesen Moment hat der OM über fast ein Jahrhundert hinweg aufgebaut. Vom 1899 von René Dufaure de Montmirail gegründeten Sportverein über die goldenen Jahre der 1970er Jahre bis hin zu den größenwahnsinnigen Ambitionen von Bernard Tapie hat die Institution aus Marseille einen einzigartigen Weg in der französischen Fußballlandschaft eingeschlagen. Hier ist die Geschichte des OM, mit all ihren Glanzmomenten und Schattenseiten.

1899: Die Gründung und die Wurzeln in Marseille

Der Olympique Marseille wurde am 31. August 1899 auf Initiative von René Dufaure de Montmirail gegründet. Von Anfang an handelte es sich nicht um einen reinen Fußballverein, sondern um einen Sportverein, der auch Rugby, Leichtathletik und Fechten betrieb. Der Rugby-Abteilung verdanken wir übrigens das bis heute gültige Motto „Droit Au But“, das im Laufe der Zeit vom gesamten Verein übernommen wurde.

Der gewählte Name ist eine Hommage an die antike Stadt. Marseille wurde um 600 v. Chr. von den Phokäern gegründet, und der Begriff „Olympique“ verweist auf die Spiele der Antike. Diese bewusste Anknüpfung erklärt auch den Spitznamen „Les Phocéens“, der dem Verein bis heute anhaftet. Die weißen Farben mit himmelblauen Streifen greifen die Farben der Stadtflagge auf.

Die ersten Jahre verliefen fernab vom Vélodrome. Der OM spielte zunächst von 1904 bis 1937 im Stade de l’Huveaune im 10. Arrondissement. Der Verein stieg in den regionalen und später in den nationalen Ligen auf, während sich der Fußball in Frankreich organisierte, und nahm 1932–1933 an der ersten Ausgabe der Profiliga teil.

Die ersten Titel und die Ankunft im Vélodrome

Der erste nationale Titelgewinn erfolgte 1937: Der OM holte sich seinen ersten französischen Meistertitel. Im selben Jahr bezog der Verein das Stade Vélodrome, das für die in Frankreich ausgetragene Weltmeisterschaft 1938 erbaut worden war. Die im 8. Arrondissement gelegene Spielstätte sollte zu einem der symbolträchtigsten Stadien Europas werden.

Der OM gewann anschließend mehrere französische Pokale, insbesondere in den 1920er und 1930er Jahren, und holte 1948 sowie 1971 zwei weitere französische Meistertitel. Dazwischen durchlebte der Verein eher ruhige Phasen, die vom Krieg und anschließend vom sportlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbau der Stadt geprägt waren. Das Vélodrome hingegen ist stets gut besucht: Marseille hat seinen Verein wie ein Wahrzeichen ins Herz geschlossen.

Das Velodrome, die Heimstätte von Olympique Marseille
Das Velodrome, die Heimstätte von Olympique Marseille

Die 1970er Jahre: Das goldene Zeitalter von Skoblar und Magnusson

Die 1970er Jahre läuteten eine erste erfolgreiche Ära ein. Unter der Präsidentschaft von Marcel Leclerc gewann der OM 1971 und 1972 die französische Meisterschaft und holte 1972 (Meister-Pokal-Doppel) sowie 1976 den französischen Pokal. Der jugoslawische Stürmer Josip Skoblar wurde 1971 mit 44 Ligatoren Torschützenkönig Europas – ein Rekord, der in der Ligue 1 bis heute Bestand hat.

An seiner Seite glänzte der schwedische Stürmer Roger Magnusson auf dem rechten Flügel. Das Duo Skoblar-Magnusson gilt bis heute als eines der treffsichersten Offensivduos in der Vereinsgeschichte. Das Stade Vélodrome erlebte damals unvergessliche Europapokalabende, auch wenn der OM erst im folgenden Jahrzehnt den Sprung in die großen kontinentalen Endspiele schaffte.

Die späten 1970er und frühen 1980er Jahre waren schwieriger. Der Verein hatte mit finanziellen Problemen zu kämpfen und stieg 1980 sogar kurzzeitig in die zweite Liga ab, bevor er wieder aufstieg und seinen Kader stabilisieren konnte. Diese turbulente Zeit ebnete den Weg für einen neuen Präsidenten, der den OM zu einer europäischen Erfolgsmaschine machen sollte.

Die Ankunft von Bernard Tapie im Jahr 1986

Im April 1986 wurde Bernard Tapie Präsident des OM. Der Geschäftsmann aus Marseille, damals Abgeordneter und Medienpersönlichkeit, trat sein Amt mit einem klaren Ziel vor Augen an: den Verein zu einer Referenz in Frankreich und Europa zu machen. Er investierte massiv, verpflichtete internationale Stars und setzte ein im französischen Fußball beispielloses Langzeitprojekt durch.

Die ersten großen Transfers gaben den Ton an. Karl-Heinz Förster, Alain Giresse und vor allem Jean-Pierre Papin, der im Trikot von Olympique zu einem der besten Torschützen der Welt avancierte. Es folgten Chris Waddle (1989), Abedi Pelé (1987), Carlos Mozer, Basile Boli (1990), Marcel Desailly, Rudi Völler (1992), Alen Bokšić (1992) und Didier Deschamps (1989). Der OM stellt nach und nach eine der besten Mannschaften des Kontinents auf.

Tapie verändert auch das Image des Vereins. Eine offensive Kommunikation, selbstbewusstes Marketing, unverhohlen bekundete europäische Ambitionen: Marseille gibt sich nicht mehr damit zufrieden, ein großer französischer Verein zu sein, sondern strebt die Spitze Europas an. Das Stade Vélodrome entwickelt sich zu einem der beeindruckendsten Stadien des Kontinents, mit einem Publikum, das selbst die aussichtslosesten Spiele noch wenden kann.

Vier Titel in Folge (1989–1992)

Zwischen 1989 und 1992 gewann der OM vier Mal in Folge die französische Meisterschaft. Seit Saint-Étienne in den 1970er Jahren hatte kein französischer Verein eine solche Serie mehr hingelegt. Diese Meistertitel gingen mit einer regelmäßigen Teilnahme am Europapokal der Landesmeister einher, dem Vorläufer der heutigen Champions League.

Das große verpasste Ereignis fand am 29. Mai 1991 in Bari, Italien, statt. Der OM bestritt das Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Roter Stern Belgrad. Nach einem frustrierenden 0:0 unterlagen die Marseiller im Elfmeterschießen. Die Enttäuschung war riesig: Der Verein war dem lang ersehnten Titel so nahe gekommen, dass er nicht länger darauf warten wollte.

Tapie lässt die Idee nicht los. Im Sommer 1992 verstärkt er die Mannschaft durch die Verpflichtung von Rudi Völler und die Rückkehr von Abedi Pelé. Die Saison 1992/1993 wird zur Krönung, aber auch zu jener, die den Verein durch ihre rechtlichen Folgen nachhaltig prägen wird.

Bernard Tapie und der Sieg von München 1993
Bernard Tapie und der Sieg von München 1993

München 1993: die Champions League

Am 26. Mai 1993 bestritt der OM vor 64.400 Zuschauern im Münchner Olympiastadion das Finale der ersten Ausgabe der neuen Champions League. Der Gegner war der amtierende Titelverteidiger AC Mailand unter Fabio Capello mit Marco van Basten, Frank Rijkaard, Demetrio Albertini und Roberto Donadoni. Der Schweizer Schiedsrichter Kurt Röthlisberger pfeift das Spiel an.

In der 43. Minute führt Abedi Pelé eine Ecke von links aus. Basile Boli setzt sich gegen die Mailänder Abwehr durch und versenkt den Ball mit einem kraftvollen Kopfball im Netz. 1:0. Marseille führt zur Halbzeit und hält das Ergebnis bis zum Schlusspfiff, angeführt von Kapitän Didier Deschamps und Trainer Raymond Goethals. Zum ersten Mal in der Geschichte gewinnt ein französischer Verein den Europapokal der Landesmeister.

Die Rückkehr nach Marseille gipfelt in einem grandiosen Höhepunkt. Hunderttausende Fans strömen auf die Canebière und in den Alten Hafen. Der Verein hat das, was bis dahin nur ein Traum des französischen Fußballs war, Wirklichkeit werden lassen. Um diese Nacht im Detail nachzuvollziehen, verweisen wir Sie auf unseren Bericht über das Finale von München 1993.

Der Fall VA-OM und der Abstieg

Der Triumph wurde jedoch schon bald durch einen Skandal getrübt, der wenige Tage nach dem Finale ans Licht kam. Am 20. Mai 1993, also sechs Tage vor dem Spiel in München, war der OM in der Meisterschaft gegen Valenciennes angetreten. Mehrere Spieler von Valenciennes, darunter Jacques Glassmann, prangerten Bestechungsversuche an, mit denen sie dazu gebracht werden sollten, das Tempo zu drosseln. Die Ermittlungen ergaben die Verwicklung von Jean-Pierre Bernès, dem Generaldirektor von OM, und des Spielers Jean-Jacques Eydelie.

Die Sanktionen wurden 1994 verhängt. Der französische Fußballverband entzog dem OM den Meistertitel der Saison 1992/1993 und stufte den Verein administrativ in die zweite Liga ab. Die UEFA hingegen hat den Europapokalsieg nie aberkannt: Der OM bleibt offiziell Sieger der Champions-League-Saison 1992/1993.

Der Prozess fand im März 1995 vor dem Strafgericht in Valenciennes statt. Bernard Tapie wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, davon ein Jahr ohne Bewährung. Jean-Pierre Bernès erhielt zwei Jahre auf Bewährung. Das Ansehen des Vereins wurde nachhaltig geschädigt, und das europäische Abenteuer dieser Generation fand ein jähes Ende: Der OM sollte erst 1999 wieder in der Champions League spielen.

Marseille, Hafenstadt und Fußballbegeisterung
Marseille, Hafenstadt und Fußballbegeisterung

Die Moderne und die Übernahme durch McCourt

Nach mehreren Jahren des Umbruchs gewann der OM 2010 unter Didier Deschamps, der nun als Trainer fungierte, erneut die französische Meisterschaft. Es war der neunte Meistertitel des Vereins und der erste seit dem aberkannten Titel der Saison 1992/1993. Drei aufeinanderfolgende Ligapokalsiege zwischen 2010 und 2012 runden diesen Zyklus ab, mit Spielern wie Mathieu Valbuena, André-Pierre Gignac und Steve Mandanda.

Im Oktober 2016 erwarb der US-amerikanische Geschäftsmann Frank McCourt 95 % des Vereins. Er trat die Nachfolge von Margarita Louis-Dreyfus an, die den OM seit dem Tod von Robert Louis-Dreyfus im Jahr 2009 geführt hatte. McCourt versprach massive Investitionen und eine neue Ära. Das für die EM 2016 mit einem vollständigen Dach renovierte Stade Vélodrome erreichte seine heutige Kapazität von 67.394 Plätzen.

Sportlich gesehen erreichte der OM im Mai 2018 in Lyon das Finale der Europa League, das er gegen Atlético Madrid (0:3) verlor. In der Saison 2019/2020 belegte der Verein unter André Villas-Boas den zweiten Platz in der Ligue 1 hinter dem PSG. Seitdem wechselt der Verein zwischen intensiven europäischen Spielzeiten und Umbrüchen, ohne bislang wieder einen französischen Meistertitel errungen zu haben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Olympique Marseille wurde am 31. August 1899 von René Dufaure de Montmirail als Sportverein gegründet.
  • Das Motto „Droit Au But“ stammt aus der Rugby-Abteilung des Vereins.
  • Der OM hat neun französische Meistertitel und zehn französische Pokalsiege errungen.
  • Die Tapie-Jahre (1986–1994) waren geprägt von vier aufeinanderfolgenden Meistertiteln in der Ligue 1 zwischen 1989 und 1992.
  • Am 26. Mai 1993 besiegte der OM im Champions-League-Finale in München den AC Mailand mit 1:0 (Tor: Basile Boli).
  • Der Verein ist bis heute der einzige französische Verein, der den Europapokal der Landesmeister bzw. die Champions League gewonnen hat.
  • Die VA-OM-Affäre kostete den Verein den Meistertitel der Saison 1992/93 und führte 1994 zu seinem administrativen Abstieg, ohne jedoch den Europapokalsieg in Frage zu stellen.
  • Frank McCourt ist seit Oktober 2016 Eigentümer des Vereins. Das Stade Vélodrome verfügt heute über 67.394 Sitzplätze.

Weiterführende Informationen

Um weitere Facetten der Geschichte des Olympique Marseille zu entdecken, lesen Sie unseren ausführlichen Bericht über die Nacht von München 1993, unseren Rückblick auf die Entwicklung des weiß-blauen Trikots des OM und unseren Artikel über das Derby OM-PSG. Um den historischen Rivalen aus dem Süden kennenzulernen, führt unser Artikel über den AS Saint-Étienne zurück zu den „Verts“ der 1970er Jahre.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Olympique Marseille gegründet?

Der OM wurde am 31. August 1899 von René Dufaure de Montmirail gegründet. Ursprünglich handelte es sich um einen Sportverein, der auch Rugby, Leichtathletik und Fechten betrieb, bevor er zu dem Fußballverein wurde, den Sie kennen.

Wie viele Titel hat der OM gewonnen?

Olympique Marseille hat 9 französische Meistertitel, 10 französische Pokalsiege, 3 Ligapokalsiege und 1 Champions-League-Titel (1993) vorzuweisen. Der Meistertitel der Saison 1992/93 wurde dem Verein vom französischen Fußballverband infolge der VA-OM-Affäre aberkannt.

Welches europäische Finale hat der OM gewonnen?

Der OM gewann am 26. Mai 1993 im Münchner Olympiastadion die Champions League, indem er den AC Mailand mit 1:0 besiegte. Das Tor erzielte Basile Boli in der 43. Minute nach einer Ecke von Abedi Pelé. Der Verein ist bis heute der einzige französische Verein, der diesen Titel gewonnen hat.

Woher stammt das Motto „Droit Au But“?

Das Motto stammt aus der Rugby-Abteilung des OM aus dem späten 19. Jahrhundert. Es wurde nach und nach vom gesamten Verein übernommen und ist bis heute auf dem Trikot und dem Wappen zu sehen. Es verkörpert den offensiven Geist, für den die Olympiens seit jeher stehen.

Wer ist der derzeitige Eigentümer des OM?

Der US-amerikanische Geschäftsmann Frank McCourt ist seit Oktober 2016 Eigentümer des OM und hält rund 95 % des Kapitals. Er trat die Nachfolge der Familie Louis-Dreyfus an, die den Verein seit 1996 kontrollierte.

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