Real Madrid
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Real Madrid: Aufstieg und Fall eines Projekts

Sommer 2000. Florentino Pérez wurde gerade zum Präsidenten von Real Madrid gewählt, nachdem er etwas versprochen hatte, was niemand für möglich hielt: die Verpflichtung von Luís Figo, dem Spielmacher des FC Barcelona. Wenige Wochen später kam der Portugiese für eine Rekordsumme in die spanische Hauptstadt. Das Projekt „Galácticos“ wird ins Leben gerufen. Sechs Jahre lang verpflichtet Real Madrid pro Saison einen großen Star, ganz im Zeichen von Spektakel, Marketing und offenem kontinentalen Ehrgeiz.

Dieser Artikel zeichnet das Abenteuer der „Galácticos“ von Real Madrid nach, vom Paukenschlag um Figo im Jahr 2000 über den Champions-League-Sieg in Glasgow bis hin zum Rücktritt von Florentino Pérez im Jahr 2006 und der darauf folgenden Durststrecke. Ein Stück Geschichte, in dem sich finanzieller Erfolg, sportliche Glanzleistungen und die Grenzen eines Modells vermischen, das sich schließlich erschöpft hat.

Die Wahl von Florentino Pérez im Juli 2000

Am 16. Juli 2000 wurde Florentino Pérez Präsident von Real Madrid, indem er den amtierenden Präsidenten Lorenzo Sanz besiegte. Sein Wahlkampf basierte auf einem spektakulären Versprechen: die Verpflichtung von Luís Figo, dem amtierenden Gewinner des Silbernen Balls und Aushängeschild des FC Barcelona. Damals hielten viele dieses Versprechen für einen Bluff, der darauf abzielte, die Mitglieder zu beeindrucken. Niemand konnte sich vorstellen, dass Pérez Figo tatsächlich den Katalanen entreißen könnte.

Pérez ist ein Geschäftsmann aus Madrid und Leiter des Bauunternehmens ACS. Er kennt sich mit Kommunikation, Finanzen und spektakulären Aktionen aus. Er hat eine klare Vision für Real Madrid: Ein Verein, der wieder zum Maßstab in Europa werden soll, indem er auf die besten Spieler der Welt setzt, globale Marketingeinnahmen generiert und seinen Status als Unterhaltungsunternehmen wahrnimmt.

Kaum war die Wahl vorbei, setzte er sein Versprechen sofort in die Tat um. Eine Ausstiegsklausel in Höhe von 10 Milliarden Peseten (etwa 60 Millionen Euro) wurde für Figo aufgehoben, und der Portugiese traf wenige Tage später in Madrid ein. Der Coup war gewaltig. In Barcelona kochte die Wut hoch, die Madrider Fans waren wie im Rausch, und das Projekt „Galácticos“ hatte offiziell begonnen.

Die Strategie: ein Galactique pro Sommer

Die „Pérez-Methode“ lässt sich auf eine einfache Formel bringen: jeden Sommer einen „Galactico“ zu verpflichten. Einen weltbekannten Superstar, der sowohl das sportliche Niveau der Mannschaft steigern als auch massive Marketingeinnahmen generieren kann (Trikots, Bildrechte, Sponsoren). Die Idee besteht darin, Real Madrid in eine globale Marke zu verwandeln, ähnlich wie die großen NBA-Franchises, und die Transfers durch die damit generierten kommerziellen Einnahmen zu finanzieren.

Diese Logik beruht auf einer gewagten Annahme: Die besten Spieler der Welt werden, wenn man sie zusammenbringt, einen unwiderstehlichen Fußball spielen. Pérez setzt eher auf individuelle Qualität als auf kollektives Gleichgewicht. Ein Ansatz, der mit der spanischen Tradition bricht, Mannschaften um einen im eigenen Verein ausgebildeten Kern herum aufzubauen (die „Quinta del Buitre“ in den 80er Jahren oder die in den 2000er Jahren in La Masia ausgebildete katalanische Nationalmannschaft).

Sportlich gesehen erfordert diese Strategie einen Trainer, der in der Lage ist, mit großen Egos umzugehen und taktische Vorgaben durchzusetzen. Finanziell gesehen setzt sie ein Geschäftsmodell voraus, das jeden Transfer in eine rentable Marketinginvestition verwandelt. Das Wagnis ist gewagt, mal genial, mal katastrophal – je nach Jahr.

Luis Figo, der erste „Galáctico“ im Jahr 2000
Luis Figo, der erste „Galáctico“ im Jahr 2000

2000: Figo, der Paukenschlag im Camp Nou

So kam Luís Figo im Sommer 2000 für rund 60 Millionen Euro nach Madrid – damals ein Weltrekord. Der Transfer wurde in Barcelona als absoluter Verrat empfunden. Der Portugiese hatte den katalanischen Fans geschworen, niemals zu gehen, und nun stand er im weißen Trikot des historischen Rivalen. Bei jeder Rückkehr ins Camp Nou wurde er mit Pfiffen empfangen, und bei einem Clásico im Jahr 2002 wurde ihm sogar ein Schweinekopf von den Tribünen zugeworfen.

Sportlich gesehen verhalf die Verpflichtung von Figo Real Madrid zum Gewinn der La Liga 2000/2001. Der Portugiese wurde Ende 2000 mit dem Ballon d’Or ausgezeichnet, zum Teil aufgrund seiner Leistungen bei Barcelona, aber auch, weil er damals das Aushängeschild des neuen Real Madrid war. Seine technische Qualität, seine millimetergenauen Flanken und seine Fähigkeit, seinen direkten Gegenspieler auszuspielen, sorgten in Madrid für Begeisterung.

Der „Figo-Coup“ ist ein absoluter Marketingerfolg. Die Verkaufszahlen des weißen Trikots schießen in die Höhe, die Sponsoren reißen sich darum, und die Einnahmen des Vereins steigen erheblich. Pérez hat bewiesen, dass er selbst seine kühnsten Versprechen einhalten kann, und die Madrider Fans schenken ihm nun blindes Vertrauen für die Zukunft.

2001: Zidane, Rekordtransfer und Comeback in Glasgow

Im Sommer 2001 schlug Real noch einmal kräftig zu. Zinédine Zidane, zweifacher Ballon d’Or-Gewinner und Weltmeister von 1998 mit Frankreich, verließ Juventus Turin und wechselte für rund 73,5 Millionen Euro nach Madrid. Dies war der neue Weltrekord für eine Ablösesumme, und niemand ahnte damals, dass dieser im Laufe des Jahrzehnts noch mehrfach gebrochen werden würde.
Zidanes Beitrag ist bereits in der ersten Saison immens. Am 15. Mai 2002 erzielt der Franzose in Glasgow im Champions-League-Finale gegen Bayer Leverkusen eines der schönsten Tore in der Geschichte des Wettbewerbs: einen Volleyschuss mit dem linken Fuß genau in den Winkel, in der 45. Minute. Real gewinnt mit 2:1 und holt sich seinen neunten Europapokal, die berühmte „Novena“. Dies ist der Höhepunkt der Ära der Galácticos.

Dieses Finale gilt für viele nach wie vor als das ultimative Symbol dafür, was das „Galacticos“-Projekt an Bestem hervorbringen konnte: einen weltweit einzigartigen Spieler, der mit einer außergewöhnlichen Aktion ein Finale entscheiden kann. Pérez fühlt sich bestätigt, der Verein steht an der Spitze, und die Strategie scheint durch die Fakten bestätigt zu werden.

2002: Ronaldo, das Phänomen in Weiß

Im Sommer 2002, nach dem Weltmeistertitel Brasiliens und seiner Auszeichnung als Torschützenkönig der Weltmeisterschaft, wechselte Ronaldo Nazário für rund 45 Millionen Euro von Inter Mailand zu Real Madrid. Er war 25 Jahre alt, hatte gerade einen weiteren Ballon d’Or gewonnen und war der ideale Stürmer, um das Projekt von Florentino Pérez zu vervollständigen.

Ronaldo liefert eine herausragende Saison 2002/2003 ab, die mit einem weiteren La-Liga-Titel (dem 29. des Vereins) endet. Er schießt Tore in industriellen Mengen, die dank seines Gespürs für die richtige Positionierung manchmal von entwaffnender Einfachheit sind. Das Trio Figo-Zidane-Ronaldo versetzt die europäischen Abwehrreihen in Aufruhr, und Real scheint auf dem Weg zu einer dauerhaften Dominanz zu sein.

Seine Anwesenheit wird jedoch nicht ausreichen, um die Ungleichgewichte im Team auszugleichen. Die Abwehr altert, im Mittelfeld fehlen ballerobernde Spieler, und die Verpflichtung des vierten „Galactico“ wird diese Schwachstellen eher noch verstärken, anstatt sie zu beheben.

Zinedine Zidane, „Galactico“-Neuzugang 2001
Zinedine Zidane, „Galactico“-Neuzugang 2001

2003: Beckham, die globale Ikone, die das Gleichgewicht stört

Im Sommer 2003 verpflichtete Real Madrid David Beckham von Manchester United für rund 37,5 Millionen Euro. Der Engländer war damals der größte Marketingstar des Weltfußballs, verheiratet mit einem Spice Girl und in allen globalen Werbekampagnen präsent. Seine Ankunft in Madrid war ein weltweites Ereignis, und die Verkaufszahlen von Trikots mit Beckhams Namen brachen überall auf der Welt alle Rekorde.

Aus sportlicher Sicht wirft diese Entscheidung Fragen auf. Die Mannschaft benötigt nach dem Weggang von Claude Makélélé, der in jenem Sommer an Chelsea verkauft wurde, einen defensiven Mittelfeldspieler. Stattdessen wird ein weiterer offensiver Mittelfeldspieler verpflichtet, und zwar ausgerechnet auf derselben Position wie Figo und Zidane. Das Ungleichgewicht wird offensichtlich: zu viele Stürmer, zu wenige Balleroberer, eine Abwehr, die gegen die besten europäischen Mannschaften Schwachstellen zeigt.

Diese Entscheidung wird oft als der Wendepunkt angesehen, der das „Galacticos“-Projekt zum Scheitern brachte. Die Saison 2003/2004 begann vielversprechend mit einem deutlichen Vorsprung in der Liga, doch Real brach im Frühjahr ein und belegte schließlich den vierten Platz. Die Enttäuschung war riesig, und die darauf folgende Durststrecke sollte drei Spielzeiten andauern.

Die Durststrecke und der Niedergang von Pérez

Von 2003 bis 2006 gewann Real Madrid keinen einzigen bedeutenden Titel. Eine Situation, wie sie für einen Verein, der es gewohnt ist, die Liga und Europa zu dominieren, seit langem nicht mehr vorgekommen war. Die Trainer wechselten in rascher Folge (Carlos Queiroz, José Antonio Camacho, Mariano García Remón, Vanderlei Luxemburgo, Juan Ramón López Caro), doch keinem gelang es, das Team wieder auf Kurs zu bringen.

Auch das Ansehen des Vereins verschlechtert sich. Die „Galácticos“, die zwar nach wie vor Stars sind, scheinen nur noch zum Showzwecken zu spielen, ohne defensive Intensität und ohne Teamgeist. Die spanische Presse weist auf strategische Verwirrung hin, und die Mitglieder beginnen zu protestieren. Pérez verliert nach und nach die politische Kontrolle über den Verein und tritt schließlich am 27. Februar 2006 zurück.

Dieser Rückschlag ist eine Lektion über die Grenzen des ursprünglichen „Galacticos“-Projekts. Die Strategie, einzelne Stars zu verpflichten, reicht nicht aus, um eine Siegermannschaft aufzubauen. Ohne taktisches Gleichgewicht und ohne Spieler im Hintergrund, die die Drecksarbeit erledigen, heben sich die besten Talente der Welt letztendlich gegenseitig auf, anstatt sich zu ergänzen.

David Beckham bei Real Madrid im Jahr 2003
David Beckham bei Real Madrid im Jahr 2003

Die Rückkehr der Galaktischen im Jahr 2009: Cristiano Ronaldo und Kaká

Florentino Pérez kehrte im Juni 2009 ins Präsidentenamt zurück und startete sofort die zweite Auflage des „Galacticos“-Projekts. Cristiano Ronaldo wechselte für rund 94 Millionen Euro von Manchester United – ein neuer Weltrekord. Kaká kam für rund 67 Millionen Euro vom AC Mailand. Allein diese beiden Transfers kosteten mehr als das gesamte Budget mehrerer großer europäischer Vereine.

Diese zweite Version des Projekts wird sportlich weitaus ausgereifter sein. Mit Cristiano Ronaldo als zentraler Figur und durch die Ergänzung des Kaders mit ausgewogenen Spielern (Xabi Alonso, Sami Khedira, Mesut Özil, Karim Benzema) baut Pérez nach und nach jene Mannschaft auf, die zwischen 2014 und 2018 vier Champions-League-Titel gewinnen wird, darunter das berühmte europäische Triple.

Um die weitere Entwicklung dieses Abenteuers besser zu verstehen, haben wir einen Artikel über Florentino Pérez verfasst , den Präsidenten, der das moderne Real Madrid aufgebaut hat. Und um die „Galácticos“ in die lange Geschichte des Vereins einzuordnen, zeichnet unser Artikel über die 120-jährige Geschichte von Real Madrid die gesamte Entwicklung des Madrider Vereins seit 1902 nach.

Das Wichtigste in Kürze

  • Florentino Pérez wurde im Juli 2000 zum Präsidenten von Real Madrid gewählt, nachdem er versprochen hatte, Luís Figo zu verpflichten.
  • Die Strategie der Galactiques besteht darin, jeden Sommer einen Weltstar zu verpflichten, um den Verein sportlich und marketingtechnisch an die Spitze zu führen.
  • Vier legendäre Transfers: Figo im Jahr 2000 (60 Mio. €), Zidane im Jahr 2001 (73,5 Mio. €), Ronaldo im Jahr 2002 (45 Mio. €), Beckham im Jahr 2003 (37,5 Mio. €).
  • Titel der ersten Ära: Liga 2000/2001 und 2002/2003, Champions League 2002 in Glasgow dank Zidanes Tor.
  • Von 2003 bis 2006 gewann Real keinen einzigen großen Titel; taktisches Ungleichgewicht und ein ständiger Trainerwechsel.
  • Florentino Pérez trat am 27. Februar 2006 zurück; die erste Ära der „Galácticos“ ging zu Ende.
  • Die Rückkehr von Pérez im Jahr 2009 mit Cristiano Ronaldo (94 Mio. €) und Kaká (67 Mio. €) – eine zweite Ära, die zwischen 2014 und 2018 zu vier Champions-League-Titeln führen sollte.

Weiterführende Informationen

Die Ära der „Galácticos“ ist Teil der langen Geschichte von Real Madrid. Um weitere Kapitel zu erkunden, empfehlen wir Ihnen unsere Artikel über Florentino Pérez und sein Projekt als Präsident und Wegbereiter, über Santiago Bernabéu, dessen Strategie, Stars zu verpflichten, Pérez inspirierte, sowie über die gesamte Geschichte von Real Madrid seit seiner Gründung im Jahr 1902. Für die vorherige Generation schildert der Artikel über die „Quinta del Buitre“ ein radikal gegensätzliches Modell.

Häufig gestellte Fragen

Wer sind die „Galaktischen“ von Real Madrid?

Als „Galácticos“ werden die Superstars bezeichnet, die Präsident Florentino Pérez ab dem Jahr 2000 rekrutierte – jeweils einen Topspieler pro Sommer. Die vier historischen Persönlichkeiten der ersten Ära sind Luís Figo (2000), Zinédine Zidane (2001), Ronaldo Nazário (2002) und David Beckham (2003).

Warum spricht man von den Galaktischen?

Der Begriff bezeichnet jene Weltstars, die als die weltweit besten Spieler auf ihrer Position gelten und für Rekordsummen verpflichtet wurden, um sowohl das sportliche als auch das Marketingkonzept von Real Madrid voranzutreiben. Die Strategie bestand darin, diese Neuverpflichtungen nacheinander zu tätigen, um eine unschlagbare Mannschaft aufzubauen.

Wie sieht die Erfolgsbilanz der ersten Galactiques-Ära aus?

Zwei spanische Meistertitel (2000/2001 und 2002/2003), ein Champions-League-Sieg 2002 in Glasgow gegen Bayer Leverkusen mit dem Volleyschuss von Zinédine Zidane, ein Interkontinentalpokal und ein Europäischer Supercup. Zwischen 2003 und 2006 gab es keinen großen Titel.

Warum ist das Projekt „Galactiques“ zwischen 2003 und 2006 gescheitert?

Mehrere Faktoren: taktisches Ungleichgewicht in der Mannschaft (zu viele Stürmer, kein defensiver Mittelfeldspieler nach dem Weggang von Claude Makélélé), Fehlen einer soliden Abwehr, Trainerwechsel und der fortschreitende Autoritätsverlust des Präsidenten. Florentino Pérez trat schließlich am 27. Februar 2006 zurück.

Gab es eine zweite Ära der Galaktiker?

Ja, ab 2009, als Florentino Pérez wieder das Amt des Präsidenten übernahm. Er verpflichtete Cristiano Ronaldo (für 94 Millionen Euro von Manchester United) und Kaká (für 67 Millionen Euro vom AC Mailand). Diese zweite Ära führte zwischen 2014 und 2018 zu vier Champions-League-Titeln.

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