Am 12. Dezember 1971 empfing Olympique Marseille im Stade Vélodrome einen Neuling in der ersten Liga: Paris Saint-Germain, das erst ein Jahr zuvor gegründet worden war. Marseille gewann mit 4:2, Josip Skoblar erzielte einen Doppelpack, Michel Prost traf für Paris. Niemand im Stadion ahnt es noch, doch dieses unscheinbare Spiel legt den Grundstein für das, was später zu „Le Classique“ werden sollte, dem Höhepunkt der Rivalität im französischen Fußball.
Fünfundfünfzig Jahre später ist das Duell zwischen OM und PSG zum emotional aufgeladensten Ereignis im französischen Fußballkalender geworden. Über 110 Begegnungen, zwei gemeinsame Endspiele im französischen Pokal, prägende Zwischenfälle, ein Umschwung im Kräfteverhältnis um die Wende zum Jahrzehnt 2010 dank katarischem Geld. Dieser Artikel zeichnet die Geschichte des Classique von den 1970er Jahren bis zur Saison 2025/26 nach und wirft einen sachlichen Blick auf die Ereignisse, die seine Intensität geprägt haben.
1971: Das erste Spiel im Stade Vélodrome
Alles begann am 12. Dezember 1971. Olympique Marseille, ein 1899 gegründeter Verein und bereits mehrfacher französischer Meister, empfing Paris Saint-Germain, das gerade erst aus der administrativen Versenkung aufgetaucht war und erst fünfzehn Monate zuvor gegründet worden war. Das Spiel endete mit einem 4:2-Sieg für Marseille, in einer Atmosphäre, die noch lange nicht angespannt war: Paris war ein Neuling ohne nennenswerte sportliche Bedeutung.
Während der gesamten 1970er Jahre und eines Teils der 1980er Jahre war das Duell OM gegen PSG ein Spiel wie jedes andere. Marseille pendelte zeitweise zwischen den Ligen hin und her, während der PSG langsam seine Identität aufbaute. Es ging dabei um keinen Titel. Um die Entstehung und das Wachstum des PSG in dieser Zeit besser zu verstehen, lesen Sie unsere vollständige Geschichte des PSG.
Bernard Tapie und Canal+ (1986–1993)
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre erreichte die Rivalität eine neue Dimension. 1986 übernahm Bernard Tapie den Vorsitz des OM und startete ein ehrgeiziges Projekt, das von internationalen Stars getragen wurde. Fünf Jahre später, im Jahr 1991, kaufte Canal+ den PSG auf, unter anderem um Marseille einen echten Konkurrenten zu bieten und die Liga zu stärken. Die beiden Vereine wurden zu den beiden politischen und medialen Polen des französischen Fußballs.
Marseille sammelt Titel: zwischen 1989 und 1992 wird der Verein viermal in Folge französischer Meister. Paris gewinnt zunehmend an Stärke und holt sich schließlich 1994 seinen ersten Titel in der Canal+-Ära. Dazwischen findet das Finale des Ligapokals 1995 im Parc des Princes statt, wo der OM einen Auswärtssieg errungen hat. Der „Classique“ wird zu dem, was er bis heute ist: ein Duell, das die Meisterschaft prägt.

1993: Der OM als einziger französischer Verein, der die Champions League gewann
Am 26. Mai 1993 gewann Olympique Marseille in München die Champions League gegen den AC Mailand durch einen Kopfballtreffer von Basile Boli in der ersten Halbzeit. Bis zum Titelgewinn des PSG im Mai 2025 war dies der einzige französische Verein, der den „Pokal mit den großen Ohren“ in die Höhe stemmen durfte. Dieser Status war lange Zeit ein unschlagbares Argument der Marseiller Fans in der Debatte mit Paris.
Im folgenden Jahr wurde der OM aufgrund seiner Verwicklung in die „VA-OM“-Affäre – einen Korruptionsskandal im Zusammenhang mit einem Ligue-1-Spiel am Vorabend des Europapokalfinales – administrativ in die zweite Liga abgestuft. Dieser Abstieg markierte den Beginn einer langen Durststrecke für Marseille und fiel mit dem Aufstieg von Paris unter der Ägide von Canal+ zusammen.
Der PSG nutzte die Abwesenheit von Olympique Marseille, um sich als neue dominierende Kraft zu etablieren. Er gewann 1994 die Meisterschaft, holte sich 1996 den Pokal der Pokalsieger gegen Rapid Wien und baute sich eine europäische Erfolgsbilanz auf, bevor Marseille am Ende des Jahrzehnts wieder in die Elite zurückkehrte.
Die 1990er Jahre: Duelle an der Spitze
Die Begegnungen der 1990er Jahre sind die emotional aufgeladensten. Viele davon haben sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Am 8. Mai 1996, zwei Wochen vor dem Pokalfinale des PSG, besiegte Paris Marseille im Finale des französischen Pokals mit 6:1. Den vollständigen Bericht über den europäischen Werdegang von Paris finden Sie in unserer Geschichte des PSG.
Umgekehrt hinterlässt der OM einen bleibenden Eindruck, wenn er im Parc des Princes gewinnt oder wenn er PSG im Stade Vélodrome in entscheidenden Meisterschaftsspielen ein Unentschieden abringt. Die Auseinandersetzungen zwischen den Spielern, die knallharten Tacklings und die Äußerungen vor den Spielen schüren eine Rivalität, die weit über das Spielfeld hinausgeht.
Die Endspiele des französischen Pokals 2006 und 2016
OM und PSG standen sich zweimal im Finale des französischen Pokals gegenüber. Am 29. April 2006 gewann Paris im Stade de France dank Toren von Cheikh Tiote und Frédéric Mendy mit 2:1. Am 21. Mai 2016 setzte sich PSG im selben Stadion im letzten Spiel von Edinson Cavani im Finale des französischen Pokals mit 4:2 gegen einen schwächelnden OM durch.
Diese beiden Endspiele verdeutlichen die allmähliche Verschiebung des Kräfteverhältnisses zugunsten von Paris. Nach dem VA-OM-Skandal und den finanziellen Schwierigkeiten von Marseille in den 2000er Jahren entwickelte sich Paris nach und nach zur Hochburg des französischen Fußballs, insbesondere ab 2011 und mit dem Einstieg von Qatar Sports Investments.

Nach 2011: PSG übernimmt die Führung
Der Einstieg von QSI bei PSG im Jahr 2011 veränderte das Kräfteverhältnis grundlegend. Mit finanziellen Mitteln, die in keinem Verhältnis zu denen von Marseille standen, verpflichtete Paris Ibrahimović, Cavani, Thiago Silva sowie später Neymar und Mbappé. Der OM, der von Margarita Louis-Dreyfus übernommen und 2016 an Frank McCourt weiterverkauft wurde, konnte mit dieser Aufstockung nicht Schritt halten und musste sich mit Ehrenplätzen begnügen.
Sportlich gesehen reiht der PSG im „Le Classique“ einen Sieg an den anderen. Ab den 2010er Jahren stellt sich eine Rekordserie von ungeschlagenen Spielen gegen Marseille ein. Am 26. Februar 2017 setzt sich Paris im Stade Vélodrome mit 5:1 in einer beeindruckenden Vorstellung durch. Am 8. Februar 2026 stellt PSG mit einem 5:0-Sieg einen neuen Rekord auf, was den mittlerweile deutlichen sportlichen Abstand verdeutlicht.
Die Gesamtbilanz der Begegnungen
Stand 8. Februar 2026, nach 112 Pflichtspielen in allen Wettbewerben, spricht die Gesamtbilanz eindeutig für die Pariser: 53 Siege für den PSG, 24 Unentschieden, 35 Siege für den OM. Insgesamt 171 Tore für Paris gegenüber 125 für Marseille. Diese Zahlen spiegeln die lange Dominanz von Olympique Marseille in den Jahren 1970–1990 und den Umschwung zugunsten von Paris in den Jahren 2010–2020 wider.
Die Rivalität lässt sich jedoch nicht allein an den Ergebnissen messen. Es handelt sich um einen Kulturkonflikt: die große Metropole Paris gegen die Stadt Marseille, der traditionsreiche und populäre Verein gegen das von einem Staatsfonds unterstützte Projekt, der Süden gegen den Norden. Jedes Aufeinandertreffen bleibt daher, unabhängig vom Leistungsunterschied, ein besonderes Ereignis im französischen Fußballkalender.

Eine Rivalität, die sowohl kultureller als auch sportlicher Natur ist
Das Duell OM gegen PSG geht weit über den rein sportlichen Rahmen hinaus. Es handelt sich um eine kulturelle Rivalität: Marseille verkörpert den Mittelmeerhafen mit seiner Öffnung nach Nordafrika, Paris hingegen die wirtschaftliche und politische Hauptstadt. Das Stade Vélodrome ist ein riesiges Freiluftstadion, der Parc des Princes hingegen ein kompakteres und intimeres Stadion, wie in unserer Geschichte des Parc des Princes beschrieben.
Diese Rivalität spiegelt sich auch auf den Tribünen wider, deren Geschichte in unserem Dossier über die Ultras des PSG erzählt wird. In Marseille sorgen die Ultras Yankee Sud, die Dodgers und die Commando Ultra im Stade Vélodrome mit mediterraner Leidenschaft für Stimmung. In Paris hat das Collectif Ultras Paris seit 2016 den Parc des Princes wieder erobert. Jedes „Classique“-Duell ist ein Aufeinandertreffen dieser beiden Fan-Kulturen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das erste Duell zwischen OM und PSG fand am 12. Dezember 1971 im Stade Vélodrome statt (4:2 für Marseille).
- Die Rivalität nahm zwischen 1986 (dem Eintritt von Bernard Tapie) und 1991 (der Übernahme des PSG durch Canal+) ihre heutige Dimension an.
- Der OM gewann am 26. Mai 1993 in München gegen den AC Mailand die Champions League – lange Zeit der einzige französische Titel in diesem Wettbewerb.
- Die beiden Vereine standen sich im Finale des französischen Pokals 2006 (2:1 für PSG) und 2016 (4:2 für PSG) gegenüber.
- Seit dem Einstieg von QSI im Jahr 2011 dominiert PSG „Le Classique“ sportlich gesehen deutlich.
- Stand 8. Februar 2026 lautet die Gesamtbilanz in 112 Pflichtspielen: 53 Siege für PSG, 24 Unentschieden und 35 Siege für OM.
- Das Duell OM gegen PSG bleibt das emotional aufgeladenste Spiel im französischen Spielplan, weit über die reinen Zahlen hinaus.
Weiterführende Informationen
Um Ihnen einen tieferen Einblick zu geben, empfehlen wir Ihnen unsere Artikel über die gesamte Geschichte des PSG, über den Parc des Princes, über die Ultras des PSG sowie über die erste Champions-League-Teilnahme des PSG im Jahr 2025, durch die Paris auf europäischer Ebene mit Marseille gleichzog.
Häufig gestellte Fragen
Wann fand das erste Spiel zwischen OM und PSG statt?
Das erste Pflichtspiel zwischen Olympique Marseille und Paris Saint-Germain fand am 12. Dezember 1971 im Stade Vélodrome statt. Marseille gewann mit 4:2, wobei Josip Skoblar zwei Tore erzielte und Michel Prost für Paris ebenfalls zwei Treffer beisteuerte.
Warum spricht man vom „Classique“?
Der Begriff „Classique“ tauchte in den 1990er Jahren auf Initiative von Canal+ auf, um dieses Aufeinandertreffen zu bezeichnen, das zum Höhepunkt des französischen Fußballs geworden ist. Er erinnert an „El Clásico“ zwischen Real und Barça, um die außergewöhnliche Bedeutung des Duells zwischen Marseille und Paris zu verdeutlichen.
Welcher Verein ist erfolgreicher: der OM oder der PSG?
Der PSG ist heute mit insgesamt 13 Ligue-1-Titeln und einem Champions-League-Sieg im Jahr 2025 der erfolgreichere Verein. Der OM hat 9 Ligue-1-Titel vorzuweisen und bleibt der erste französische Verein, der 1993 die Champions League gewonnen hat.
Wie sieht die Bilanz der Begegnungen zwischen OM und PSG aus?
Stand 8. Februar 2026, nach 112 Pflichtspielen, weist PSG 53 Siege auf, OM 35 Siege und es gab 24 Unentschieden. Paris erzielte 171 Tore, Marseille 125.
Warum dominiert der PSG den „Classique“ seit 2011?
Der Einstieg von Qatar Sports Investments im Jahr 2011 ermöglichte es dem PSG, Weltstars (Ibrahimović, Neymar, Mbappé, Messi) zu verpflichten, was mit den finanziellen Mitteln von Marseille nicht zu vergleichen ist. Diese Budgetausweitung hat seit der ersten Hälfte der 2010er Jahre zu einer dauerhaften sportlichen Kluft geführt.
Zeigen Sie, für wen Sie sind: PSG oder OM
Die gesamte PSG-Kollektion ist im Geschäft erhältlich, ebenso wie die OM-Kollektion für die Fans aus Marseille. Heim-, Auswärts- und Ausweichtrikots, Spieler- und Fanversionen sowie Retro-Trikots, die an die großen Spielzeiten des „Classique“ erinnern.
