Marineblau auf der einen Seite, tiefes Granatrot auf der anderen, getrennt durch vertikale Streifen: Das Trikot des FC Barcelona ist eines der bekanntesten der Welt. Das Wort „Blaugrana“, eine Zusammensetzung aus „blau“ (blau) und „grana“ (granatrot) auf Katalanisch, ist zu einer Kurzbezeichnung für den Verein selbst geworden. Doch 125 Jahre nach der Gründung weiß niemand genau, woher diese Farben stammen.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts stehen sich mehrere Theorien gegenüber. Keine davon konnte jemals durch einen formellen schriftlichen Beweis eindeutig bestätigt werden. Der Verein selbst räumt diese Ungewissheit ein. Dieser Artikel gibt einen Überblick über den Ursprung der Farben des FC Barcelona, ihre Entwicklung auf dem Trikot und ihre Bedeutung für die heutige katalanische Identität.

Ein 125 Jahre altes Rätsel
Am 29. November 1899 beschlossen zwölf Enthusiasten bei der Gründungsversammlung des FC Barcelona im Gimnasio Solé, einen Fußballverein zu gründen. In keinem bekannten Protokoll wird die Wahl der Farben erwähnt. Kein Brief und kein schriftliches Zeugnis aus jener Zeit liefert eine formelle Erklärung. Als das Trikot zum ersten Mal auftauchte, war es bereits blau und granatrot mit vertikalen Streifen, und diese Farbkombination wurde nie wieder in Frage gestellt.
Dieses Fehlen jeglicher Spuren erklärt, warum bis heute drei Haupttheorien nebeneinander bestehen, ohne dass sich eine davon endgültig durchsetzen könnte. Der Verein selbst räumt in seinen eigenen Mitteilungen ein, dass es keine einheitliche offizielle Version gibt. Dies macht zweifellos den Reiz dieses Rätsels aus: Auch 125 Jahre später ist das Geheimnis ungelöst und wird wie eine Legende von einer Generation von Fans an die nächste weitergegeben.
Der Kontext der Vereinsgründung ist bereits international geprägt. Der Schweizer Joan Gamper, der Engländer Walter Wild, Deutsche und Spanier. Die Farben wurden vielleicht ganz einfach an der Schnittstelle mehrerer Traditionen ausgewählt, ohne dass eine davon offiziell Vorrang vor den anderen hatte. Zum Kontext der Vereinsgründung lesen Sie unseren ausführlichen Artikel über die Geschichte des FC Barcelona.
Die Witty-Theorie und die englische Schule
Die am häufigsten genannte Theorie dreht sich um die Brüder Witty, Arthur und Ernest, zwei Briten, die in Barcelona als Söhne eines englischen Kaufmanns geboren wurden. Beide besuchten die Merchant Taylors’ School in Crosby bei Liverpool. Die Schulfarben dieser Schule sind nun gerade Blau und Granatrot, die auf den Schuluniformen und der Sportbekleidung zu sehen sind.
Dieser Hypothese zufolge sollen die Brüder Witty diese Farben bei der Gründung des Vereins vorgeschlagen haben, als Hommage an ihre Ausbildungsjahre. Arthur Witty war zudem von 1903 bis 1905 Präsident des Barça, was die Annahme untermauert, dass sie eine Rolle bei der Gestaltung der visuellen Identität des Vereins gespielt haben. Dies ist die in der katalanischen Literatur zu diesem Thema am häufigsten vertretene Theorie.
Dieser Ansatz stößt jedoch an seine Grenzen. Den vom Verein veröffentlichten Gründerlisten zufolge waren die Wittys bei der Versammlung am 29. November 1899 nicht anwesend. Ihr Einfluss dürfte vielmehr in den folgenden Jahren zum Tragen gekommen sein, was ein chronologisches Problem aufwirft, wenn es darum geht, eine Farbwahl zu erklären, die angeblich bereits bei der Gründung getroffen wurde.

Die Schweizer Mannschaft des FC Basel
Eine andere Theorie, die von einigen Sporthistorikern vertreten wird, führt die Wahl der Farben auf Joan Gamper selbst zurück. Bevor er sich in Barcelona niederließ, soll der junge Schweizer beim FC Basel gespielt haben, einem 1893 gegründeten Verein, dessen Farben ebenfalls Blau und Rot sind. Die Idee dahinter wäre, dass Gamper bei der Mitbegründung des Barça die Farben seines Jugendvereins wieder aufgreifen wollte.

Diese Theorie besticht durch ihre Einfachheit. Gamper stammte aus Winterthur, doch durch seine sportliche Laufbahn in der Schweiz kam er mit dem FC Basel in Kontakt. Das Basler Rot und das Barceloner Granat sind jedoch nicht genau dieselben Farbtöne, was eine direkte Verbindung fraglich macht. Das leuchtende Rot des FC Basel hätte sich eher durchsetzen müssen als ein tiefes Granat.
Diese Hypothese wird durch keine schriftlichen Aussagen von Gamper selbst belegt. In den wenigen Texten, die er hinterlassen hat, hat er selbst die Frage der Farben nie öffentlich angesprochen. Das Rätsel bleibt also ungelöst, trotz der scheinbaren Plausibilität der Schweizer Hypothese.
Die Bleistift-Hypothese
Die dritte, etwas malerischere Theorie besagt, dass die Farben von einem Buchhalterstift inspiriert worden seien. Damals gab es in den Büros teilweise zweifarbige Stifte: eine blaue und eine rote oder granatfarbene Mine an beiden Enden. Joan Gamper, von Beruf Buchhalter, soll einen solchen Stift verwendet haben, um einen Entwurf für ein Trikot zu skizzieren, und der Zufall habe den Rest erledigt.
Diese Anekdote wird von keiner zeitgenössischen Quelle aus der Gründungszeit bestätigt. Sie gleicht eher einer urbanen Legende, die lange nach den Ereignissen entstanden ist, vielleicht um einer Entscheidung, an die sich niemand mehr genau erinnern konnte, einen Hauch von Romantik zu verleihen. Dennoch hält sie sich hartnäckig, ein Zeichen dafür, dass das Geheimnis die Fantasie der Fans beflügelt.
Andere, eher nebensächliche Theorien vermuten einen Zusammenhang mit den Farben der katalanischen Pyrenäen oder mit den Flaggen lokaler Institutionen aus dem 19. Jahrhundert. Keine davon konnte sich gegenüber den drei Haupttheorien wirklich durchsetzen. Die Debatte bleibt offen, und der Verein hat nie versucht, sie zu beenden.

125 Jahre Entwicklung des Trikots
Auch wenn die Farben seit der Gründung unverändert geblieben sind, hat sich das Design des Trikots stark weiterentwickelt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Streifen schmal und zahlreich. In der Zwischenkriegszeit wurden sie breiter. In den 1970er Jahren veränderte das Aufkommen von Bekleidungssponsoren die Proportionen. Doch die Kombination aus Blau und Granatrot wurde nie in Frage gestellt, im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen, die im Laufe ihrer Geschichte ihre Farbidentität gewechselt haben.
Das Auswärtstrikot hingegen hat weitaus mehr Variationen erfahren: gelb, weiß, schwarz, grün, orange, in den 2010er Jahren sogar manchmal rosa. Doch das Heimtrikot bleibt heilig. Kein Ausrüster (Meyba, Kappa, Nike seit 1998) hat es jemals gewagt, an der blau-granatroten Grundfarbe zu rütteln, trotz einiger Experimente, die von den Fans vehement abgelehnt wurden. Um diese Entwicklung nachzuvollziehen, lesen Sie unseren Artikel zur Geschichte des Barça-Trikots.

Das Blaugrana als Identitätsmerkmal
Unabhängig von ihrem Ursprung sind diese Farben zu einem starken Identitätsmerkmal geworden. Während des Franco-Regimes (1939–1975) war das Tragen des blaugrana-Trikots eine der wenigen Möglichkeiten, öffentlich seine Verbundenheit mit Katalonien zu bekunden. Blau und Granat erhielten damals eine politische und kulturelle Dimension, die weit über den reinen Sport hinausging.
Diese Dimension ist bis heute lebendig. Bei Spielen im Camp Nou vermischen die Fans oft die Farben des Vereins mit denen der Senyera, der gelb-roten katalanischen Flagge. Die Grenze zwischen Vereinsidentität und regionaler Identität verschwimmt. Um diese Dimension näher zu beleuchten, lesen Sie unsere Analyse des Mottos „Més que un club“.
So ist das Blaugrana-Trikot mehr als nur eine Farbkombination geworden: Es ist ein Erkennungszeichen, eine stillschweigende Flagge, ein Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ob sein Ursprung nun in England, der Schweiz, der Buchhaltung oder Katalonien liegt, spielt letztlich keine Rolle: Was zählt, ist, was es heute für die Millionen von Fans bedeutet, die es tragen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Wort „Blaugrana“ stammt aus dem Katalanischen: „blau“ (blau) und „grana“ (granatrot).
- Die genaue Herkunft der Farben ist in keinem Dokument aus der Gründungszeit im Jahr 1899 belegt.
- Die Witty-Theorie führt diese Wahl auf die englischen Brüder zurück, die an der Merchant Taylors’ School in Crosby ausgebildet wurden und dieselben Farben trugen.
- Eine in der Schweiz verbreitete Theorie besagt, dass Joan Gamper damit eine Hommage an die Farben des FC Basel, für den er gespielt haben soll, zum Ausdruck brachte.
- Eine weitere kuriose Vermutung besagt, dass Gamper einen zweifarbigen Buchhalterstift verwendet habe.
- Das blau-granatfarbene Heimtrikot hat sich in den letzten 125 Jahren in seiner Grundform nie verändert, im Gegensatz zu den sehr unterschiedlichen Auswärtstrikots.
- Unter dem Franco-Regime wurde Blaugrana zu einem Symbol der katalanischen Identität und ist es seitdem geblieben.
Weiterführende Informationen
Um dieses Rätsel in den größeren Kontext des Vereins einzuordnen, empfehlen wir Ihnen unsere Artikel über die gesamte Geschichte des FC Barcelona, über die 125-jährige Entwicklung des blaugrana-Trikots sowie über das Motto „Més que un club“ und dessen katalanische Verankerung.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet „blaugrana“ auf Katalanisch?
Das Wort „Blaugrana“ ist eine Zusammenziehung zweier katalanischer Wörter: „blau“, was „blau“ bedeutet, und „grana“, was „granatrot“ bezeichnet. So werden der FC Barcelona, seine Spieler und seine Fans gemeinhin bezeichnet, in Anlehnung an die traditionellen Farben des Heimtrikots.
Warum ist das Trikot von Barça blau und granatrot?
Die genaue Herkunft ist nicht eindeutig belegt. Seit 125 Jahren stehen sich drei Haupttheorien gegenüber: ein Erbe der Brüder Witty und ihrer englischen Schule Merchant Taylors’, eine Hommage an die Farben des FC Basel, für den Joan Gamper angeblich gespielt haben soll, oder – etwas malerischer – ein zweifarbiger Buchhalterstift. Keine dieser Theorien wurde jemals endgültig bestätigt.
Hat sich die Farbgebung des Heimtrikots bereits geändert?
Seit 1899 ist das Heimtrikot des FC Barcelona den vertikal gestreiften Farben Blau und Granatrot treu geblieben. Lediglich die Proportionen, die Muster und die genaue Anordnung haben sich je nach Ausrüster (Meyba, Kappa und seit 1998 Nike) verändert. Eine Änderung der Grundfarben wurde von den Fans nicht akzeptiert.
Warum spricht man bei den Farben des FC Barcelona von den „Wittys“?
Die Brüder Arthur und Ernest Witty, Briten, die in Barcelona geboren wurden, besuchten die Merchant Taylors’ School in Crosby, deren Schulfarben genau Blau und Granatrot sind. Arthur Witty war zwischen 1903 und 1905 sogar Präsident des FC Barcelona. Diese These gilt nach wie vor als die populärste Erklärung für die ursprüngliche Wahl.
Haben die Farben Blau und Granatrot eine politische Bedeutung?
Ursprünglich war dies nicht der Fall, doch im Laufe der Geschichte haben sie eine identitätsstiftende Bedeutung erlangt. Während des Franco-Regimes (1939–1975) war das Tragen des blaugrana-Trikots eine der wenigen Möglichkeiten, öffentlich seine Verbundenheit mit Katalonien zu bekunden. Diese symbolische Bedeutung hat sich über die Jahrzehnte hinweg erhalten und gefestigt.
Hat das blaugrana-Trikot Ihr Interesse geweckt?
Die FC Barcelona-Kollektion ist in unserem Shop vollständig erhältlich: Heimtrikot, Auswärtstrikot, Ausweichtrikot, Spielertrikot, Fan-Trikot sowie die Retro-Trikots, die die großen Epochen des Vereins geprägt haben.
